Leseprobe „Fahrten nach Klaushagen“

Chemnitz – der Staatsapparat überlässt rechten bis faschistischen Kräften tagelang die Straße, ungehindert konnten sie ihre Hass auf Flüchtlinge durchführen. Von bürgerlichen Politikern und Medien wird unisono ein Bild vom „rechten Sachsen“ gezeichnet. Tausende antifaschistische Gegendemonstranten, Petitionen und Solidaritätsaktionen beweisen das Gegenteil – ihre Zahl und Kraft wird aber in den Medien heruntergespielt, während die Berichterstattung über den rechten Mob vor allem Angst vor Faschisten schürt. Schon wird die Verschärfung der Abschiebepolitik gefordert als „Schlussfolgerung“ - anstatt faschistische Organisationen und ihre Propaganda zu verbieten. Zufall? Nein.

 

In ihrem Buch „Meine Fahrten nach Klaushagen – eine streitbare deutsch-deutsche Biographie“ berichtet Autorin Renate Voß von den Ereignissen 1992 in Rostock Lichtenhagen, als Faschisten einen Brandanschlag auf ein Asylheim, tagelang wüteten und sich eine Welle des antifaschistischen Widerstands entwickelte. Wie Polizei und Medien damals vorgingen im Auftrag der Politik – das erinnert an

Chemnitz.

 

Doch lesen Sie selbst in unserer Leseprobe, wo Renate Voß über die antifaschistische Gegendemonstration vor ihrer Haustür berichtet:

 

„Die Einwohner von Lichtenhagen sollten sich in einem Block an der Spitze der Demo

einreihen. Das fand ich gut, um zu zeigen, dass es nicht die Lichtenhagener waren, die Beifall geklatscht haben, als die Randale losging. Das war eine Minderheit, die durch ihr Verhalten die Bevölkerung eines ganzen Stadtteils und darüber hinaus in Misskredit gebracht hatte. Die sollen sich abgrundtief schämen und vielleicht mal darüber nachdenken, was sie angerichtet haben und woher das wohl kommt! Die Missstände im Stadtteil mit den vielen Asylsuchenden in den Wochen zuvor waren doch nur der Anlass für derartiges Verhalten, nicht die Ursache!

Gegen 16 Uhr ging die Demo endlich los. Auf 20 000 soll die Menschenmenge inzwischen angewachsen sein, dreitausend davon Lichtenhagener. Von einem Marsch kann nicht die Rede sein, „stop and go“ träfe eher zu. Aus mir unerfindlichen Gründen blieb der Zug immer wieder stehen, stundenlang dauerte es, ehe wir am nördlichen Ende vom Stadtteil Lütten Klein ankamen, mit dem Fahrrad bräuchte ich dafür fünf Minuten. Rechts und links vom Zug flankierte uns je eine Reihe Polizisten. Neben mir ging eine junge Polizistin, kleiner als ich. Oh, heilige Einfalt – ich dachte doch tatsächlich: „Gut, dass sie da sind, falls die Nazis uns überfallen wollen!“ Über unseren Köpfen flogen riesige Armee-Hubschrauber mit ohrenbetäubendem Lärm. So langsam spielte mein Rücken nicht mehr mit, die Beine wurden schwer, die Füße platt, ich beschloss, aus der Demo rauszugehen, wollte mir aber den Zug bis zum Ende ansehen. An der Stelle mündet die Möllner Straße in die Schleswiger, auf der wir gekommen waren. Wieder blieb das Polizeiauto an der Spitze stehen, die Reihen rückten auf, den Schluss des Demozuges bildete der sogenannte „Schwarze Block“. Plötzlich entstand auf der anderen Straßenseite ein Gerangel, ein junger Mann rannte über die Wiese in Richtung der Punkthochhäuser, Polizisten hinterher, aus dem schwarzen Block flog eine kleine Silvesterrakete Richtung Hubschrauber, ohne diese im Entferntesten zu erreichen. In dem Moment stürmte eine Polizeieinheit aus der Möllner Straße in die Demo, ich hatte sie vorher hinter Büschen verborgen stehen sehen. Der Lautsprecherwagen im Demozug rief zur Ruhe auf. „Lasst euch nicht provozieren, schließt die Reihen, hakt euch unter. Wir versuchen herauszubekommen, was hier los ist.“ Nach einer Weile meldete sich die Stimme wieder:

„Angeblich soll am Rande der Demo ein Zuschauer mit einer Pistole gefuchtelt haben. Das kann doch nur ein Provokateur gewesen sein!“ Die bisher so friedlich verlaufene Demo mit Musik und Sprechchören hatte plötzlich ihren Angriffspunkt, der nicht von den Teilnehmern ausging. Aber die Lautsprecherstimme rief immer wieder zur Ruhe und Besonnenheit auf und dann war auch der ganze Zwischenfall vorbei, es ging weiter und ich ging nach Hause. Inzwischen war es Abend geworden, ich schaltete den Fernseher an, war darauf gespannt, was wohl die Nachrichten über unsere Demo bringen. Was ich dann zu sehen und zu hören bekam, ließ mir den Mund offen stehen: Der wegrennende junge Mann, von Polizisten verfolgt, die übrigens sehr schnell unverrichteter Dinge wieder zurückkamen, die Silvesterrakete, die in den Himmel flog, die Behauptung, die Hubschrauber seien mit Raketen beschossen worden!

Nichts von der friedlichen Demo, nichts von der angeblichen Provokation mit Pistole, nichts von der „rein zufällig“ genau an dieser Ecke bereitstehenden Polizeieinheit. Ich hatte meine Lektion weg, was die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung in den Medien anbelangt.

Offenbar ist nur das berichtenswert, was irgendwie nach Action aussieht und was politisch in den Kram passt. Dazu passt auch so einiges, was im Nachhinein bekannt wurde: Fernsehsender sollen Halbwüchsigen Geld geboten haben, wenn sie vor der Kamera den Arm zum Hitlergruß hochrecken. Der kommandierende Polizeioffizier soll in der Brandnacht abwesend gewesen sein, weil er „das Hemd wechseln“ müsse, komischerweise hatte der damalige Landesinnenminister den gleichen Grund für seine Abwesenheit! Bezeichnenderweise war an jenem Montagvormittag der damalige Bundesinnenminister Seiters, heute DRK-Präsident, per Hubschrauber eingeflogen, traf sich mit Polizeidirektor Kordus und Landesinnenminister Kupfer. Von dieser Sechs-Augen-Besprechung soll es kein Protokoll, keine Aktennotiz, rein gar nichts geben. Anschließend flog Seiters wieder nach Bonn, die beiden anderen fuhren nach Ribnitz bzw. Warnemünde, das Hemd zu wechseln.

Das alles stank zum Himmel, doch wer einigermaßen denken konnte, bemerkte spätestens nach kurzer Zeit, was der Sinn des Ganzen war: Die Asylgesetze wurden verschärft! Das legt doch den Schluss nahe, dass nicht die Randalierer schuld an der Randale waren, sondern die Asylbewerber, nach der Devise: Haltet den Dieb! Wenn ich heute, nach ziemlich genau 25 Jahren, in den Zeitungen oder Fernsehberichten lese oder höre, dass damals die Politik oder Politiker „versagt“ hätten, frage ich mich, wen will man heute noch schützen? Die damals verantwortlichen Herren sind allesamt nicht mehr im Amt oder leben nicht mehr. Landes-Innenminister Lothar Kupfer, Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Bernd Seite, Bundes-Innenminister Rudolf Seiters, Bundeskanzler Helmut Kohl – sie alle gehörten oder gehören der CDU an – soll also diese Partei geschützt werden? Ich finde, dass es allerhöchste Zeit ist, endlich die Wahrheit zu sagen, dass es keineswegs „Versagen“, sondern bewusstes Kalkül der Politik war, die entstandene Situation einfach laufen zu lassen, wenn nicht sogar bewusst zu fördern. Dass man, um die Verschärfung der Asylgesetze begründen zu können, so einiges in Kauf nahm: die Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen, die

„Mithilfe“ der faschistischen Banden, ja sogar den Tod von Bewohnern des Sonnenblumenhochhauses und anderen.“ (S. 240-244)

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Verweise

Meine Fahrten nach Klaushagen - Eine streitbare deutsch-deutsche Biografie

Renate Voß hatte und hat ihre eigene Meinung. Ihre „Fahrten nach Klaushagen“ sind die eigenwilligen Erinnerungen an ihre Erfahrungen in beiden Deutschland, sehr genau, ehrlich, persönlich und ohne Pauschalurteile. mehr