Vorwort

Wir leben in einer sehr bewegten Zeit, in der sowohl Positives, als auch Negatives auf die Menschen einströmt. Jeder muß als Einzelner oder mit seiner Familie innerhalb der Gesellschaft sein Möglichstes geben, um besonders in den neuen Bundesländern die Umstellung von der Lebensweise in der DDR zum vereinten Deutschland zu bewältigen. Für viele gestaltet sich diese neue Zeit zu einer harten Kraftprobe. Sozial und psychisch lastet auf einer großen Anzahl Frauen und Männer ein solcher Druck, daß ihr Lebensmut sinkt. Das betrifft gerade die Generation, die am Aufbau der DDR großen Anteil hatte, deren hauptsächliches Leben sich in diesem Land vollzog, die nun im Rückblick einen Scherbenhaufen als Hinterlassenschaft sieht. Aber alle haben hart gearbeitet und nicht gerade im Überfluß gelebt. Nun bedrückt sie zumeist Arbeitslosigkeit. Sie versuchen dagegen anzugehen, nehmen Tätigkeiten in anderen Berufen auf, werden umgeschult ohne spätere Einsatzsicherheit oder müssen sich mit zeitweiligen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) begnügen, die keine aussichtsreiche Perspektive bieten. Manche resignieren, andere wählen Freizeitbeschäftigungen, für die sie früher kaum Zeit hatten.
Gerade die Frauen stehen dem täglichen Leben sehr kritisch gegenüber, da sie diejenigen sind, die nach der Wende verstärkt Lasten zu tragen haben. In diesem Buch sagen neunzehn Frauen im Alter von wenig über zwanzig bis über sechzig Jahren ihre Meinung zum jetzigen Leben.
Die Auswahl dieser Personen durch mich geschah zufällig. Mir ging es nicht darum, nur eine bestimmte Schicht zu erfassen, sondern die Arbeiterin bis hin zur Akademikerin zu hören. Nach einem Fragespiegel erklärten sich alle bereit zu antworten. Ich kannte oder lernte das Umfeld dieser Frauen kennen und ergänzte ihre persönlichen Aussagen, gab ihnen einen entsprechenden Rahmen.
Die Erfassungen entstanden in den Jahren 1994 und 1995. Somit legen sie beredtes Zeugnis über die Situation von Frauen fünf Jahre nach dem Anschluß der DDR an die BRD ab und stellen ein Stück Geschichte Deutschlands dar.
Die Betrachtungsweise ist natürlich unterschiedlich, die Wertung des Erlebens verschieden. Jede Frau mußte in der hinter uns liegenden Zeit harte Prüfungen bestehen und kämpft heute wieder um ihre Rechte. Mit anderen ging das Schicksal behutsamer um. Freude und Leid lagen und liegen dicht beieinander. Gerade das macht die Schilderungen vielseitig und interessant. So manche Frau in den neuen Bundesländern wird sich mit den Aussagen identifizieren können. Den Frauen in den alten Bundesländern sollen sie helfen. Vergangenheit und gegenwärtiges Denken der „Ossi-Frauen“ besser zu verstehen. Mögen die Texte aber auch dazu beitragen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam mehr Rechte für Frauen und deren Familien zu erkämpfen.
Helga Ewert

Artikelaktionen

Details

168 Seiten

Preis: 10,00 €

ISBN: 978-3-88021-289-3

 


zur Bestellung